„Das größte Wunder einer wahren Ehe“
Es gibt genaugenommen nur zwei Philosophen, die sich dem Medium Film in erschöpfender Weise widmen, nämlich Gilles Deleuze (Kino 1 und Kino 2) und Stanley Cavell. Während es sich bei Deleuze um eine „Taxonomie von Bildern“ handelt, die kaum eingehende Filmanalysen enthält, geht es bei Cavell um „die moralische Bildungskraft der in Filmen erzählten Geschichten“ (vgl. Mike Sandbothe).
1. Die Falschspielerin [The Lady Eve], 1941
2. Es geschah in einer Nacht [It Happened One Night], 1934
3. Leoparden küsst man nicht [Bringing Up Baby], 1938
4. Die Nacht vor der Hochzeit [The Philadelphia Story], 1940
5. Sein Mädchen für besondere Fälle [His Girl Friday], 1940
6. Ehekrieg [Adam’s Rib], 1949
7. Die schreckliche Wahrheit [The Awful Truth], 1937
Ein Film, der sich aus diesem Genre „ableitet“, weil er einige Gemeinsamkeiten damit teilt, ist Hitchcocks Der unsichtbare Dritte [North by Northwest], 1959. Übrigens einer meiner absoluten Lieblingsfilme.
Was ist also an diesen Filmen so besonders, bzw. warum heißen sie „Wiederverheiratungskomödien“? Es geht darin im Unterschied zur klassischen Komödie Shakespeares nicht darum, ob ein junges unverheiratetes Paar zusammenkommt und am Ende heiratet, sondern darum, ob ein „älteres“ verheiratetes Paar, das eine „gemeinsame Vergangenheit“ hat und mitunter „von Scheidung bedroht“ ist, wieder zueinanderfindet, lernt eine „gemeinsame Sprache“ zu sprechen – John Milton bezeichnet das in seinem Traktat über die Ehescheidung als „meet and cheerful conversation“ –, eine gleichberechtigte Beziehung entwickelt. Und das passiert in den meisten dieser Komödien an einem bestimmten Ort – bei Shakespeare heißt dieser laut Cavell bzw. Northrop Frye „the green or golden world“ –, nämlich Connecticut.
Für Cavell ist Ehe in diesen Filmen nicht eine „durch Kirche oder Staat legitimierte“ Verbindung zwischen zwei Menschen, sondern eine Allegorie für das, was „seit Aristoteles als Freundschaft“ bezeichnet wird: „Wiederverheiratung“ ist somit charakterisiert „durch den Willen des Paares, einander noch einmal zu wählen“. Und es geht dabei weniger um die Frage, was das Paar tun sollte, als vielmehr um die angesichts einer Krise auftauchende Frage der grundsätzlichen Lebensführung. „Wiederverheiratung“ hat also außer dem gegenseitigen Aspekt auch den individuelleren der „Neuorientierung“ im Leben. Cavell sagt dazu „remarriage is the central of the second chances“ oder nennt das mit Bezug auf Ralph Waldo Emerson „moralischen Perfektionismus“ („our unattained but attainable self“), was nichts anderes bedeutet als die „Treue sich selbst gegenüber“ oder die „Sorge für das Selbst“ (Michel Foucault). „Scheidung“ ist auf der anderen Seite wiederum auch ein „Abschied von der eigenen Vergangenheit“. Cavell bezieht sich bei der Beschreibung der „Wiederverheiratungskomödien“ oft auf einen Dialog in Ibsens Nora oder ein Puppenheim. Dort heißt es nämlich:
Helmer: „Nora ... can I never be more than a stranger to you?“
Nora: „Ah, Thorvald ... It would take the greatest miracle of all.“
Helmer: „Tell me the greatest miracle!“
Nora: „You and I both would to transform ourselves to the point that ... oh, Thorvald, I’ve stopped believing in miracles.“
Helmer: „But I’ll believe. Tell me! Transform ourselves to the point that ...?“
Nora: „That our living together could be a true marriage.“
Eines von zahlreichen Zitaten, das bei Cavell in diesem Zusammenhang ebenfalls auftaucht, stammt aus Shakespeares Hamlet – auch als Beispiel dafür, wie leicht „moralischer Perfektionismus“ durch (gut gemeinte) Ratschläge oder Fremdbestimmung verdorben werden kann:
„This above all: to thine own self be true,
And it must follow, as the night the day,
Thou canst not then be false to any man.“
(Polonius zu seinem Sohn Laertes in William Shakespeares Hamlet)
Cavell sieht außerdem in den „Wiederverheiratungskomödien“ Erben des so genannten „Amerikanischen Transzendentalismus“ (Ralph Waldo Emerson, Henry David Thoreau), wo Philosophie und Literatur miteinander verschmelzen, Philosophie weniger System ist.
Folgende Aussage Cavells aus The World Viewed bringt seine Charakterisierung dieses Filmgenres abschließend auf den Punkt:
„The creation of the woman alludes to a simultaneity of projects: to the institution of marriage by god in genesis, creating the woman from the man; to the progress of the feminist movement; to the transfiguration given to or imposed upon particular women of flesh and blood by the camera’s power of photogenesis. [...] They were not foolish virgins who yielded to Cary Grant and Fred Astaire.“
An dieser Stelle wird klar, warum Cavell die „Wiederverheiratungskomödien“ auch als „Genre der Metamorphose“ bezeichnet.
Cavell leitet aus diesen Komödien (noch) ein Genre ab, das er „melodrama of the unknown woman“ nennt. Es handelt sich dabei sozusagen um das dramatische „Schwesterngenre“ dieser Komödien, quasi um die „Negation der Ehe“. Dazu zählt er die folgenden vier Filme, die ihm zufolge zu Unrecht als „Frauenfilme“ oder „Tränendrücker“ abgetan werden:
1. Das Haus der Lady Alquist [Gaslight], 1944
2. Brief einer Unbekannten [Letter from an Unknown Woman], 1948
3. Reise aus der Vergangenheit [Now, Voyager], 1942
4. Stella Dallas [Stella Dallas], 1937
Im Unterschied zu den „Wiederverheiratungskomödien“ stellt die Ehe in diesen Melodramen für die auftretenden Frauen keine Möglichkeit der persönlichen Entwicklung und Erfüllung dar: Sie suchen nach ihrer Sprache, ringen um ihre Stimme und streben nach Selbstgewissheit. Hier wird die „Konversation“ der Paare durch Ironie unterlaufen, keiner spricht für den anderen.
© Georg Graml